Über die Einrichtung der Neuen Herzogl. Sternwarte zu Gotha.
Astronomische Nachrichten Nr. 882

Offenes Schreiben an Herrn Prof. Encke, Director der Sternwarte in Berlin. Von P. A. Hansen.

Obgleich Sie Herr Professor! S. 342 des Berliner Astronomischen Jahrbuches für 1860, dessen Herausgeber Sie sind, und welches mir erst vor einigen Tagen in die Hände gekommen ist, in Bezug auf die wissenschaftliche Sache, über welche Sie sich mit mir streiten, und die Sie von Zeit zu Zeit wieder auffrischen, den Wunsch aussprechen, dass die Blätter, auf welchen sie enthalten ist, der Vergangenheit übergeben werden möchten, so hat es Ihnen doch gefallen, unmittelbar vorher, die Literatur dieser Angelegenheit um ein neues und in seiner Art sehr bezeichnendes Schriftstück zu vermehren. Wenn Ihnen gelungen wäre hiermit auch nur das Geringste von den von mir in dieser Angelegenheit angewandten Argumenten zu entkräftigen, so können Sie überzeugt sein, dass ich Ihnen aufrichtig dazu Glück gewünscht hätte. Denn es ist mein Bestreben von jeher gewesen, die wissenschaftlichen Wahrheiten zu suchen und zu verbreiten, und dem Irrthum entgegen zu arbeiten, ich werde hierin bis zu meinem letzten Hauche verharren, und mich durch kein Verfahren eines Gegners davon abhalten lassen. Es ist mit meinem Bestreben unzertrennlich verbunden, dass ich auch die wissenschaftlichen Wahrheiten, die von Andern gefunden werden, mit Freuden begrüsse, und den Irrthum, auch wenn ich ihn selbst begangen habe, offen bekenne und berichtige. Aber in diesem Falle bin ich in unserer Angelegenheit nicht. Wohl haben Sie in in Ihrem letzten Aufsatze verunglimpfungen, aber für die Begründung Ihrer Behauptungen und für die Unrichtigkeit der meinigen haben Sie auch nicht den Schatten eines Beweises hervorzubringen vermocht. Alles was Sie darüber in sachlicher Beziehung gesagt haben, reducirt sich auf Behauptungen, die mit dem Beiwort „unhaltbare“ viel zu gelinde bezeichnet sind, und Sie haben sich ausserdem mehr wie ein Mal in Widersprüche verwickelt. Das was Sie über meine Person in Ihrem letzten Aufsatze zu sagen für gut befunden haben, werde ich nicht erwidern, gleichwie ich frühere persönliche Ausfälle von Ihnen unbeantwortet gelassen habe. Wenn Sie in dem Falle sind, von solcher Argumentation, wie Ihr letzter Aufsatz sie enthält, Ehre oder Gewinn für sich erwarten zu müssen, so sein Sie versichert, dass ich Sie nie beneiden und nicht das geringste Verlangen tragen werde, solche Ehre oder solchen Gewinn mit Ihnen zu theilen. Ihre persönlichen Ausfälle sind es auch gar nicht, die mich zu einer Antwort veranlassen, sondern die gänzlich entstellte Sachlage der Streitfrage, die Ihr Aufsatz zur Schau trägt, lässt es mir nicht überflüssig erscheinen, Ihnen mit dürren und klaren Worten den Verlauf und den wahren Verhalt der Sachlage ins Gedächtnis zurück zu rufen.

Nachdem ich durch meine, kurz vorher für die Berechnungen der Störungen der kleinen Planeten vorbereitete allgemeine Methode die Jupiterstörungen der Flora berechnet, und unter anderen in der Bewegung des Perihels auf einen wesentlichen Unterschied zwischen meinem und Ihrem Resultat gekommen war, veröffentlichte ich diese Untersuchung in einem „Ueber die Störungen der Egeria und der Flora“ betitelten Aufsatze. (Bericht über die Verb. der K. S. G. d. W. zu Leipzig, 7. Band, und Astronom. Nachr. Bd. 42 № 1002.) Sie anerkannten den Unterschied, wenn es gleicht scheint, dass Sie die Wirkung desselben nicht recht eingesehen haben, suchten ihn in einem Fehler Ihrer numerischen Rechnungen, und wie Sie keinen finden konnten, forderten Sie mich in ausfallenden Ausdrücken auf, meine Rechnungen durchzusehen und das Resultat dieser Durchsicht zu veröffentlichen. „J. F. Encke, Rechtfertigung der Berechnung der Flora-Störungen in Beziehung auf eine Mittheilung des Herrn P. A. Hansen.“ (Bericht etc. 7. Band und Astr. Nachr. Bd. 42 № 1002.) Die Durchsicht meiner Rechnungen durfte ich nun freilich unterlassen, da ich in Ihren Arbeiten den theoretischen Fehler, den ich schon vorher vermuthet hatte, in der That vorfand. Ich zeigte daher, dass Sie darin gefehlt hatten, dass Sie unterlassen hatten, dem Integral ∫dR (in der Laplace'schen Bezeichnung) die dazu gehörige Constante hinzuzufügen und auf die gehörige Art zu bestimmen. Ich entwickelte die Glieder, die bei Ihnen fehlen, fügte sie hinzu und erlangte dadurch eine genügende Übereinstimmung Ihrer numerischen Coefficenten mit den meinigen. „P. A. Hansen, Beantwortung des vorstehenden Aufsatzes des Herrn Professor Encke, Directors der Berliner Sternwarte.“ (An den oben angeführten Orteen.) Ich durfte mich der Ansicht hingeben, dass hiemit diese Sache abgemacht sein würde, da es sich um keinen neuen Lehrsatz, sondern um einen längst bekannten handelte, und ich mir sagen konnte, dass ich meine Auseinandersetzung klar und deutlich gehalten hatte. Aber bei Ihnen fand die richtige Auffassung keinen Platz.

Es erschien kurz darauf von Ihnen ein Aufsatz (Monatsberichte der K. Pr. Akad. d. W. zu Berlin, Januar 1856, und Astron. Nachr. Bd. 42 № 1005), worin Sie mir Fehler der merkwürdigsten Art aufbürden wollten. In der analogen Behandlung zweier in Secunden ausgedrückten, numerischen Grössen, soll ich eine Verwechselung der wahren und mittleren Anomalie begangen haben, weil die eine dieser Grössen Secunden mittlerer, und die andere Secunden wahrer Anomalie sei. Also Secunden der mittleren Anomalie halten Sie für andere Grössen wie Secunden wie secunden der wahren Anomalie! Wie ist es möglich, Herr Professor! dass Sie solche Behauptungen im Ernst aufstellen können! Wollte es Ihnen denn nicht einfallen, dass die Bogensecunde in allen Fällen nichts Anderes ist, wie der 129600ste Theil des Kreisumfanges. Aber wenige Zeilen nachher gerathen Sie in Widerspruch mit sich selbst; dieselben Grössen, welche Sie eben als Secunden der wahren Anomalie, die von Secunden der mittleren Anomalie verschieden sein sollen, bezeichnet haben, theilen Sie unverändert der mittleren Anomalie zu, und nennen sie die Säculargleichung derselben. Hier sehen Sie selbst ja Secunden der wahren und Secunden der mittleren Anomalie als dieselben Grössen an, während Sie kurz vorher eine Verwchiedenheit derselben annehmen. Auch fehlten Sie zugleich darin, dass Sie diese Grösse als die Säcularänderung (= Säculargleichung) der mittleren Länge bezeichnen. Nie ist die Grösse, welche Sie anführen, als die Secularänderung der mittleren Länge bezeichnet worden, und sie kann es vermöge der Natur der Sache nicht sein, denn wenn man diese Anwendung des Begriffs der Säcularänderungen weiter verfolgt, so kommt man auf die Schlussfolge, dass eine Constante die Säcularänderung einer anderen Constante sei, welches absurd ist. Die Säcularänderung der mittleren Länge oder der mittleren Anomalie ist dem Quadrat der Zeit proportional und eine Grösse von der Ordnung der Quadrate und Producte der störenden Massen. Darüber können Sie sich bei jedem der klassischen Schriftsteller unterrichten, die über diesen Gegenstand geschrieben haben.

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Im Eingange dieses Schreibens habe ich schon ausgeführt, dass ich auf Ihre Beschäftigung mit meiner Person keine Antwort ertheilen werde, ich habe daher zu Ihrem Aufsatz im B. A. J. für 1860, der jeder wissenschaftlichen Behandlung des Themas von Ihrer Seite baar und ledig ist, nichts weiter zu sagen, als dass mein Wunsch ist, dass alle auf diese Angelegenheit sich beziehenden Schriftstücke von allen wahren Sachkennern aufmerksam gelesen und dass sie unseren Nachkommen aufbewahrt werden möchten. Das schlaffe Gehenlassen der zuweilen auftauchenden verkehrten Ansichten hat nie die Wissenschaften gefördert, wohl aber sind sie erstarkt, durch kräftiges, auf festem wissenschaftlichen Boden ruhendes, Entgegentreten des Irrthums. Auch unsere Wissenschaft kann zu dieser Behauptung mehr wie einen Beleg liefern.

Gotha im März 1858. P. A. Hansen

ISSN 2363-8648

Bearbeitungsstatus: Transkription abgeschlossen
Bearbeiter: Mathias Nowak

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