Friedrich Wolters an Karl Wolfskehl (30. August 1927)


Vorlage Brief 4 Seiten: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/6/6d/Wolters_an_Wolfskehl%2C_30_August_1927.pdf

Kiel den 30. August 1927

Lieber Wolfskehl, haben Sie Dank für Ihre freundlichen Glückwünsche und Ihre gütige Einladung, aber das Reisen habe ich mir fürs erste verboten, da ich jetzt endlich – ich habe für das Wintersemester Urlaub genommen – ein freies halbes Jahr vor mir sehe, um die Blättergeschichte zu vollenden, deren Material ich zwar durch all die Jahre stetig vermehrt habe, aber nicht zur Gestaltung bringen konnte. Jetzt bin ich mit allem Eifer daran gegangen und wenn ich auch sehe, dass die Aufgabe eher schwerer geworden ist als vor vierzehn Jahren, so hoffe ich doch dieses Nötigste aller Bücher vollenden zu können. Ich sehe mit dankbarer Freude an meiner Stoff- und Briefsammlung, mit welcher Bereitwilligkeit Sie mir damals schon geholfen haben und ich wäre Ihnen von Herzen verbunden, wenn Sie mir aucha) weiter auf Zweifel und Unwissenheiten eine Antwort geben könnten. Ich sehe aus Ihrem Briefe vom 21. Febr. 1913, dass Sie mir damals von einer Anzahl Fragen auf die, welche sich auf Ihr Verhältnis und die ersten Jahre in München bezogen, Auskunft gaben, aber auf die weiteren Fragen, die sich auf den Kosmischen Kreis zwischen 1899 und 1904 bezogen, die Antwort in baldige Aussicht stellten. Doch ist das durch die Schicksale der folgenden Zeit unterblieben und es wäre schön, wenn Sie heute noch Lust verspürten, mir von Personen und Vorgängenb) jener Zeit etwas zu erzählen. Ich muss schon, wenn wirklich ein Bild entstehen soll, die Dinge und Gestalten in ihrer ganzen Nacktheitc) schildern – das Geheime bleibt darum doch verborgen! – und jeder Wesenszug ist mir darum wichtig. Wenn Sie mir ausser dem, was ich von Ihnen schon besitze, noch Briefe und Aufzeichnungen zur Verfügung stellen können, so ist mir das natürlich sehr willkommen. Einiges Besondere möchte ich Sie heute schon fragen:

1) Ist es Ihnen möglich etwas über Maximin zu sagen? Einen Eindruck von ihm? Auf welches Datum oder Monat das Fest fiel an dem er teilnahm.

2) Haben Sie noch besondere Erinnerungen an die Berliner Jahre um das Centrum Lechter und dann Lepsius (1895 u. 97/98), Lechter hat wenig Fähigkeit und Neigung über diese Erstlingszeiten zu sprechen.

3) In dem Briefe L. Klages’ an Sie vom 8. 12. 01. spricht er von dem „dritten Buche“ (neben dem über George und Schuler), von dem Sie wüssten, welches sein Inhalt werden würde. Ist es der „Kosmogonische Eros“, der schon damals geplant war oder ein anderes? Was halten Sie vom Kosm. Eros im Vergleich zu dem lebendigen Geschehen von damals?

4) Ist bei Schulers Tode oder nachher kein Aufsatz von Klages oder sonst jemandem über ihn erschienen?

5) Könnten Sie mir ein Bild von der geistigen und leiblichen Gestalt Schulers u. dem Charakter von Klages geben, wenn auch nur in flüchtigen Strichen.

6) Wer kannte von den Kosmikern Bachofen zuerst und welche anderen antiken und modernen Schriften standen damals noch im Centrum des gemeinsamen Interesses? Carus? Baader? Novalis? Nietzsche?

7)Ist die von Verwey im Juni 1909 in seiner Zeitschrift angekündigte Übertragung des Orpheus ins Holländische erschienen?

Sie werden sich gewiss die Haare raufen, teurer Wolfskehl, über soviel Neugier und Zumutung an Ihre Schreiblust, aber ich will nicht einmal versprechen, dass ich damit gesättigt wäre, sondern muss obendrein noch um die Erlaubnis bitten, weiterzufragen, wenn mir Unklarheiten auf meinem Wege auftauchen. Eine Hemmung in der Intensität der Mitteilungen vonseiten des Meisters gibt es meiner Meinung nach nicht, da er mich auf das weiteste unterrichtet hat und wie ich hoffe im Herbst bei seinem Besuche noch weiter unterrichten wird. Seien Sie also dem unbequemen Frager nicht böse, sondern befriedigen Sie ihn bald. Mit allen herzlichen Grüssen an Sie und die Ihren

Ihr dankbarer Friedrich Wolters

Anmerkungen:
Bearbeitungsstatus: Transkription abgeschlossen
Bearbeiter: Mathias Nowak

Aus dem Privatarchiv von Wolfgang Hempel. Friedrich Wolters bittet Karl Wolfskehl um Hilfe bei den Recherchen zu seinem Buch Stefan George und die Blätter für die Kunst - Deutsche Geistesgeschichte seit 1890 (Berlin 1930). Karl Wolfskehl (1869–1948), deutscher Dichter, gehörte wie Wolters zum Kreis um Stefan George, mit dem er bereits seit den 1890er Jahren befreundet war. Wolters hatte bereits 1913/14 an der „Blättergeschichte“ gearbeitet, war dann durch den Krieg unterbrochen worden und hatte erst 1926 die Arbeit wieder aufgenommen.

ISSN 2363-8648

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